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Seniorenzeitung Februar 2007

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Roli´s Heimatseite Spezial

Ein Herz aus Teig

 

 

200 Jährige Lebkuchentradition im Odenwald


Herzen überall: aufgereiht im Regal, bemehlt auf Backblechen, aus Rohteig  auf der  Arbeitsplatte, gestapelt  in  Kartons.  Es  sind  echte Odenwälder
Lebkuchen. Ohne Schokolade,  ohne Zuckerguss, ohne Zierrat – bis auf eine kleine Mandel in der Mitte. Normalerweise. „Heute lassen wir die Mandel weg, denn wir  backen  für den Weihnachtsmarkt, die Lebkuchen werden noch mit Zuckerschrift  versehen.“ Willi Baumann sen. weiß,  was die Kunden wünschen, er ist  mit und in  der kleinen Backstube  aufgewachsen. Die Lebkuchen- und Weihnachtsbäckerei Delp &  Baumann in  Reichelsheim-Beerfurth pflegt eine über 200-jährige Tradition.


Lebkuchen und Bauer
 

Die  Saison  startet Ende August und zieht  sich  bis   Weihnachten. Was macht  ein Lebkuchenbäcker den  Rest des Jahres?  „Da bin  ich Cowboy  mit Leib und  Seele.“ Der Bauernhof  hat ein  Pferd,  20  Mütterkühe  und ein  paar  Schweine. Letztere landen regelmäßig als Leberwurst oder Schwartenmagen in Dosen  im winzigen Verkaufsraum hinter  der Backstube. Ein kleines Zubrot für den Betrieb: „Früher waren die Lebkuchen  ein Zusatzgeschäft zur Landwirtschaft.
 


Da wurde aber auch erst ab 4. November gebacken. Heute ist  das umgekehrt.“  Und längst fertigen die Baumanns nicht mehr  nur Lebkuchen: Anisplätzchen, Kokosmakronen,  Magenbrot, Butterplätzchen und Pfeffernüsse  stehen  auf auf dem Programm. Für die Anisplätzchen wird der Backofen sogar kurz vor Pfingsten angeworfen: Sie sind als „Walldürner Schießerli“ für die Wallfahrt bestellt.
Der  deckenhohe Ofen von 1949 fasst in seinen zwei Kammern insgesamt 18 Bleche. Er ist ideal für Lebkuchen, läuft ruhig, ohne Umwälzer, aber  er  ist anspruchsvoll: Ist  der Backofen ausgekühlt, muss er schon mittwochabends angeheizt  werden, damit am Montag gebacken werden kann.

 

Ein gut gehütetes Geheimnis

50 Gramm  wiegt das  Standardherz, ein  Kilogramm das  größte und  25  Gramm schwer sind die Kleinsten: für  Kinderhände. Die Form hat der Chef, wie so viele, von einem befreundeten Schmied  anfertigen lassen. „Da geh ich mit der Zeit und erfülle auch Kundenwünsche.“ Unsere älteste  Form  ist  von 1824, ein geschnitzter Odenwälder Reiter. Aber den  muss  man ausschneiden.  Für so was  haben  wir gar keine  Zeit  mehr.“  Die Bestellungen drängen. Bis Ende Oktober verkaufen die Baumanns ihre Ware selbst  auf Bauernmärkten. Das Größte sind aber Aufträge, vor allem für Weihnachtsmärkte und Bäckereien  in  der weiten Region.

Großkunde ist ein Schausteller auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt,  der die Herzen selbst verziert. „Da bin ich stolz drauf. Mit dem hat bereits mein  Großvater Geschäfte  gemacht“, bekennt  der Senior. Auch hier zählt die Tradition. Das Geheimnis der Baumannschen Lebkuchen ist die Gewürzmischung:
„Die Zutaten sind ein absolutes Familiengeheimnis. So wie mein Vater mir das gezeigt hat, so habe ich das meinem Sohn gezeigt. Und mit Sicherheit  ist er der  Einzige,  der das von  mir gezeigt  bekommt.“ Willi Baumann junior wird die Tradition  fortsetzen und den Familienbetrieb zum Jahreswechsel übernehmen.

 

Süßes Metier, Harter Alltag!

Aus  dem Hinterzimmer dringt ein beißender  Geruch. Hirschhornsalz, das  Backtriebmittel.  Es  brennt  in den Augen. Hilde Baumann schließt die Zwischentür und beschwichtigt vergnügt: „Das vergeht gleich wieder.  Beim Backen verflüchtigt es sich in drei Minuten.“ In dem  kleinen Raum hinter der Backstube  stehen  zwei  Knetmaschinen. Die  einzige moderne Gerätschaft neben einer neuen Waage. Hier mischt der  Chef  täglich neuen Teig aus Mehl, Honig, Wasser, Hirschhornsalz und Gewürzen. Meist schon  morgens um sechs. Um vier in der  Früh  hat er den Backofen wieder angeheizt  und den Honig in zwei großen Blechtöpfen  aufgekocht,  damit um acht, wenn die  anderen kommen,  alles bereit steht.

 

Die Anderen, das sind neben  seiner  Frau  und seinem Sohn, Helfer aus der Nachbarschaft. Auch sie sind längst ein Stück Tradition. Wer, wie  Mandy, erst acht Jahre dabei ist, gilt hier als Neuzugang. Die  anderen treuen Seelen wie Barbara und Sonja helfen seit über  30  Jahren. Nach dem Mittag, geht es ab eins weiter bis  in  den frühen  Abend,  und wenn Weihnachten näher rückt, im November, wird  sogar noch eine Spätschicht angehängt.  Doch  heute ist  um 12 Uhr Schluss. Der Chef will noch Korn aussäen.

Begriffs Erklärung in der Lebkuchenwelt
 

Lebkuchen
„Lebkuchen“ hat nichts mit „Leben“ zu tun. Vermutlich kommt der Begriff aus dem Lateinischen: „libum“, was „Fladen“ oder „Opferkuchen“ heißt. Oder er stammt aus dem Germanischen von „Laib“ wie „Brotlaib“. Die genaue Herkunft des Namens ist nicht geklärt.

 

Herkunft
Honiggesüßte Kuchen wurden schon bei den alten Ägyptern als Grabbeigaben gefunden. Erstmals schriftlich bezeugt sind gewürzte Honigkuchen von 350 v. Chr. Als Pfefferkuchen werden sie 1296 in Ulm erwähnt. „Pfeffer“ stand damals für alle fremdländischen Gewürze. Wegen der fremden Gewürze haben vor allem Städte an wichtigen Handelsknotenpunkten eine lange Lebkuchen Tradition.

Gewürze
Die Gewürze geben Lebkuchen ihren typischen Geschmack. In der Regel eine Mischung aus Zimt, Nelken, Anis, Kardamom, Koriander, Ingwer und Muskat.

Varianten
Lebkuchen kursieren auch unter den Namen Labe-, Leck-, Lebens- oder Pfefferkuchen oder auch Lebzelten. Je nach Region unterscheiden sich die Rezepturen erheblich.

Lebkuchen in der Küche
Geriebene Lebkuchen dienten immer auch als Würz-, Binde- und Färbemittel in der Küche, noch heute. Wer sich beeilt, kann Gerichte aus Baumanns Lebkuchen im Odenwald versuchen. Dort finden bei 13 Gastronomen bis zum 17. Dezember die „Odenwälder Lebkuchenwochen“ statt. Mehr dazu unter www.odenwald-gasthaus.de


Lebkuchen- und Weihnachtsbäckerei Delp & Baumann
Marktplatz 8, 64385 Reichelsheim-Beerfurth (Odenwald)
Telefon (0 61 64) 23 13
Öffnungszeiten Verkaufsraum: Mo bis Sa 8-12 und 13-18 Uhr,
So 9-12 Uhr oder nach telefonischer Voranmeldung

Quelle: Entega Mittendrin Dez07

Link zum Thema:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gew%C3%BCrz
 


 

Seniorengeschichten



Manfred Gries: Blasenschwäche


Der Abend schaute lüstern in meine Gedanken und weckte meine Sinne für einen Spaziergang mit “Ich find deine Stimme schön“. Blumendüfte, Frühjahrsglanz in meiner Seele und die Dame meines Herzens neben mir - was kann schöner sein, als gemeinsam einen Abend in Wien bei lauschiger Frühjahrsluft und dem Käuzchen von nebenan zu verbringen. Das Käuzchen stimmte zu. “Kuckkuck, heute schauen wir uns einmal ein paar wunderschöne Häuser an. Ich will dir zeigen, wie mein Haus einmal aussehen wird“, lächelte mich die Architektin an und ich wechselte vorsorglich schon einmal das Schuhwerk. “Klar machen wir das“, erklang meine Antwort, während ich mir die Schuhbanderln durch die Finger gleiten ließ und geschickt eine Schleife band. Hübsch anzusehen. “Ich find deine Stimme schön“ ging noch einmal ins Gartenhaus zurück - ich trat derweil in die klare Nacht hinaus. Das Käuzchen klang seltsam lächelnd heute Abend, als würde es mehr von der Situation verstehen, die sich ereignen sollte auf diesem Spaziergang durch die kleine Gartensiedlung mit den schönen Häusern.

“Ich bin fertig“, folgte mir “Ich find deine Stimme schön“ nach 5 Minuten. Was in dieser Zeit geschah, weiß ich nicht. Später wurde mir klar, dass sie noch schnell das WC aufgesucht hatte - man kann ja nie wissen, wie lange so ein Spaziergang dauert, Zwar hatte ich schon einige Erfahrungen gesammelt - das Abendessen mit Stockfisch und Spiegeleiern lag hinter mir - aber so richtig vorbereitet war ich denn nun doch nicht. Nur meine Schuhe machten einen angepassten Eindruck und so ging es los. Verschiedene Bauten begleiteten ihre Erklärungen, die sie mir zu geben wusste. “Lehm ist eigentlich ein sehr schönes Material“, erklärte sie. “Aber so ganz bin ich noch nicht überzeugt. Auch die Holzbauweise hat ihre Vorteile.“ Im Dunkel des Abends erschien ein aus Kiefernholz bestehendes Bauwerk vor unseren Augen. “Weißt du, Kuckuck, eigentlich sind natürlich Ziegel günstiger“, erklärte sie das nächste Bauwerk - ich verspürte einen leisen Druck auf meiner Blase. “Natürlich kann man auch in einem Lehmbau mit Fußbodenheizung beträchtlich Energie sparen“, erklärte sie dem aufkommenden Gefühl in meinem Unterleib. “Und das WC bringt man am besten im Keller unter, da spart man Kanalisation.“Vorsichtig nahm ich das Thema auf, das sie mir und meinem Unterleib zugeworfen hatte. “Du, ich muss einmal auf die Toilette“, ließ ich mich vernehmen. “Später“, lautete ihre Antwort und das Käuzchen schien kurz vor einem Lachanfall zu stehen. “Du kannst hier nicht einfach zu einem Busch gehen, wir sind hier in Wien. “Vielleicht können wir ja kurz ins Gartenhaus zurück“, warf ich ein. “Später“, antwortete sie. Das Wort “später“ prägte sich in meine Sinne und begleitet fortan den lauschigen Spaziergang, der uns nun zu einem weiteren Bauwerk mit WC im Keller führte. “Die Leute, die dieses Haus bewohnen, kenne ich“, fuhr sie fort. “Die haben das Holz selbst gesägt und mit einem Schreiner zusammen für wenig Geld die Außenfassade gestaltet. Sieht das nicht hübsch aus?“ Notdurftgedrungen stimmte ich ihr zu, während meine Lust eine erhebliche Verlagerung erfuhr und meine Sinne sich auf das Ende des Spazierganges zu konzentrieren begannen. “Können wir nicht kurz einen Abstecher nach Hause machen?“ Das Wort “später“ hatte ich vorausgesehen - trotzdem, einen Versuch war es wert.

Bau für Bau begleitete meinen Leidensweg und mit jedem Detail, das sie zu berichten wusste, suchten meine Gedanken Abwechslung im Keller jener Fassaden, die jede auf ihre Weise schön war. Das Käuzchen war inzwischen verstummt - wahrscheinlich vor Lachen vom Baum gefallen und der Abend neigte sich seinem Ende zu. Gerade rechtzeitig erreichten wir das kleine Gartenhaus, dass uns den Frieden der Nacht und mir das Ende meines Leidens gewährte. Es war “später“ geworden.

Quelle: estories, “wahre Geschichten“


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